Friss oder stirb unfair

Ideologisch sind immer nur die anderen. Und erziehen tun immer nur die anderen. Schon klar. Mein Barmherzigkeits-Gen wird grad wieder mal aufs Äusserste strapaziert, wenn ich an all die armen Leute denke, welche nach Annahme der beiden Ernährungsinitiativen gesund und fair essen müssen. Nicht dürfen. Müssen. Allerdings – und ich trockne meine Tränen – wird auch mein Verstand arg strapaziert.

 

Erstens durch den Vorwurf, die InitiantInnen wollten die Menschheit gängeln. Ich hör das oft, denn es ist die sprachgewordene Bankrotterklärung von Leuten, denen die Sachargumente ausgehen. Nur, der Vorwurf kann gar keiner sein. Politik ist die Kunst, seinen Einfluss geltend zu machen. Politische Macht ist die Fähigkeit einer Person oder Interessengruppe, auf das Verhalten und Denken anderer einzuwirken. Könn’ Sie bei Wikipedia nachlesen, wenn Sie’s nicht glauben. Und Erziehung? Schlagen Sie selbst nach. Sie werden staunen. Mit anderen Worten: Wir wären schlechte PolitikerInnen, wenn wir nicht einen möglichst grossen Einfluss ausüben wollten. Der Vorwurf macht demnach etwa so viel Sinn, wie wenn ich dem Bäcker vorwerfe, Brot zu backen.

 

Zweitens durch Inkompetenz. Sogar unser Bundespräsident ist sich nicht zu schade zu kolportieren, dass die armen Leute sich gar kein bio und fair leisten könnten. Schöner könnte man die Perversion einer Nahrungsmittelproduktion gar nicht beschreiben, welche die Leute zwingt, aus Armut andere Menschen noch ärmer zu machen. Daneben fehlt es aber auch an politischem Sachverstand, denn man soll nicht Sektorpolitiken miteinander vermischen: Wenn die Ernährungspolitik bewirkt, dass Nahrung teurer wird, weil sie gesund und fair produziert wird, weil in diesem Sektor also getan wird, was getan werden muss, dann muss die Sozialpolitik mithalten und dafür sorgen, dass die Menschen sich das auch leisten können. Dreht man die Logik um, kommt heraus: Wir müssen die Bauern und die Natur ausbeuten, damit die Nahrung billig bleibt und wir ja keine Mindestlöhne einführen müssen. Wir erzeugen Working-Poors in der Landwirtschaft im In- und Ausland, damit unsere anderen Working-Poors sich gesunden Food leisten können. Super. Ach und übrigens: Derselbe Bundespräsident sagt nur wenige Tage später, Armut sei in so einem reichen Land wie die Schweiz nicht akzeptabel. Genau. In der Schweiz. Da bleibt einem doch glatt die durch marokkanische Wandersklaven produzierte Pestizidtomate im Hals stecken.

 

Drittens durch die Moralkeule. Sie wird grad wieder mal kräftig geschwungen, vielleicht, weil eine der Initiativen das Wörtchen «fair» im Titel führt. Dabei sagt der Vorwurf, Konsumentscheidungen seien heute mit Moral aufgeladen, viel aus über die Vorwerfer, aber wenig über die Sache. Denn es geht nicht um Ethik, sondern um Ratio. Es ist schlicht vernünftig, die Umwelt nicht zu vergiften, die Böden für unsere Nahrung nicht kaputt zu machen, das Wasser, welches wir für die Nahrungsmittelerzeugung benötigen, nicht zu verschmutzen, Lebensmittel nicht zu verschwenden, die Massentierhaltung abzuschaffen und die Menschen, welche auf unseren Äckern den Rücken krumm machen, einen Lohn zu bezahlen, der ihnen zum Leben ausreicht. Dass es zugleich auch noch fair ist, umso besser, aber im Vertrauen gesagt: Dem Rüebli ist es sowas von egal, ob es mit oder ohne Herbiziden gewachsen ist, da kommen Sie mit Moral nicht viel weiter. Mit Vernunft aber kommen Sie auf bio. Richtig Unerzogene stimmen daher einfach Ja.

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