1 Milliarde Stunden unbezahlte Arbeit

100 Milliarden Franken weniger Einkommen als Männer haben Frauen pro Jahr. Dies auch, weil sie zusammengerechnet eine Milliarde Stunden unbezahlt für die Betreuung der Kinder arbeiten. Die Zahlen sollen Eingang in die Wirtschaftslehre finden, fordert die «feministische Fakultät fem».

 

Zara Zatti

 

100-248-1 – diese drei Zahlen sollten nach der «feministischen fakultät fem!»*, die am Dienstagmorgen zu einer Medienkonferenz lud, alle Frauen in der Schweiz kennen. Sie stehen für die makroökonomische Betrachtung der ungleichen Entlöhnung von Frauen und Männern, und wurden im Rahmen eines Bildungsprojektes der feministischen Fakultät in Zusammenarbeit von 30 Frauen herausgearbeitet. 100 Milliarden Franken, soviel Einkommen haben Frauen weniger als Männer, und das jedes Jahr. Wie die Ökonomin Mascha Madörin erklärt, beruht die enorme Zahl statistisch auf zwei Grössen: Erstens verdienen Frauen durchschnittlich pro Erwerbsstunde 19,5 Prozent weniger als berufstätige Männer, und zweitens arbeiten Frauen mehr Stunden unbezahlt. Die soziale Arbeitsteilung macht drei Viertel der Einkommenslücke der 100 Milliarden aus. Das geht nicht, findet Zita Küng, Mitbegründerin der feministischen Fakultät, und stellt klar: «Laut Schweizer Verfassung hat jede erwerbstätige Frau Anspruch auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Das ist eine Forderung, die in der Erwerbsarbeit alles andere als umgesetzt ist.» Aus diesem Grund fordert Küng: «Ein Teil der unbezahlten Arbeit muss in Zukunft bezahlt werden. Die politisch zu diskutierende Frage ist, nach welchen Kriterien das beurteilt und wie es realisiert werden soll.»

 

248 Milliarden Franken beträgt der jährliche monetäre Wert der unbezahlten Arbeit von Frauen in der Schweiz. Das ist mehr als alle Ausgaben, die Bund, Kantone und Gemeinden in einem Jahr tätigen, hält Madörin fest. Allein für die Betreuung der Kinder arbeiten Frauen in einem Jahr eine Milliarde Stunden – die letzte der drei anfangs erwähnten Zahlen. Mascha Madörin wünscht sich eine grössere Beachtung dieser drei Ziffern: «Nicht nur jede Frau in der Schweiz sollte diese drei Zahlen kennen, sondern auch die PolitikerInnen. Sie sollten die Grundlage von wirtschafts- und sozialpolitischen Argumenten und Entscheidungen sein, wie andere Wirtschaftsdaten auch.»

 

Mögliche Frühpensionierung ab Geburt
Das Projekt 100-248-1 möchte die volkswirtschaftlichen Zusammenhänge in den Fokus stellen, die feministische Fakultät spricht in diesem Zusammenhang von einem Ma­kroskandal. «Der aktuelle Diskurs dreht sich vor allem darum, die Erwerbsquote von Frauen zu erhöhen und mehr Frauen in Kaderpositionen zu bringen. Dabei lassen wir völlig ausser Acht, dass wir dringend ökonomisch und ethisch vertretbare Modelle entwickeln müssen», meint Johanna Selliger, Co-Präsidentin der feministischen Fakultät. Es brauche ein System, wie man die Care-Arbeit organisieren wolle, «wenn wir als Gesellschaft nicht mehr darauf zählen können und wollen, dass diese Arbeit unbezahlt von Frauen geleistet wird.» Um die Dimensionen der 100 Milliarden Franken, die Frauen weniger bezahlt werden, zu verdeutlichen, zieht Madörin den Vergleich zur AHV-Finanzierung. Denn mit dem Betrag von 100 Milliarden hätte man im Jahr 2014 die Frühpensionierung aller Frauen ab Geburt finanzieren können und ausserdem die durchschnittliche AHV-Rente für alle in der Schweiz wohnhaften Rentnerinnen verdoppeln können. Die Ökonomin zeigt demnach keinerlei Verständnis für eine Erhöhung des Rentenalters für Frauen: «Auf Kosten der Frauen sollte wirklich nicht noch mehr gespart werden und schon gar nicht an ihren Renten.»

 

Die Initiantinnen des Projekts 100-248-1, Zita Küng, Johanna Seeliger und Mascha Madörin sehen die wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten in der Pflicht, sich mit den ökonomischen Zusammenhängen zwischen direkt geldgesteuerter Wirtschaft und den Bereichen der unbezahlten Arbeit zu befassen. «Der enorme Beitrag der unbezahlten Arbeit für unseren Lebensstandard ist unsichtbar und wird als unendlich verfügbar angenommen. Das ist nicht realistisch. Frauen und Männer arbeiten Vollzeit, Frauen sehr viel mehr unbezahlt und schlechter bezahlt als Männer», meint Madörin und fordert: «Diese Tatsache muss endlich Eingang finden in die Wirtschaftstheorien.»

 

*Der Verein wurde Ende 2016 gegründet und startet im Herbst 2019 mit dem dritten Lehrgang rund um feministische Themen.
Mehr Informationen zum Projekt 100-248-1 auf www.100-248-1.org.

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